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Teilung & Flucht

Menschen im Hof des Notaufnahmelagers

© Deutsches Historisches Museum

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Flucht und Abwanderung im geteilten Deutschland

In den Jahrzehnten der Teilung Deutschlands von 1949­­ bis 1989 verlor die DDR rund ein Sechstel ihrer Bevölkerung an die Bundesrepublik: Mindestens vier Millionen Menschen flüchteten oder übersiedelten von Ost nach West. Oft nahmen sie dabei erhebliche Risiken und Belastungen auf sich.

Während der Weg aus der DDR heraus schwierig war, war – anders als heute – der Zutritt zur Bundesrepublik einfach. Der westdeutsche Staat hielt nach 1945 an einer (gesamt)deutschen Staatsangehörigkeit fest, die DDR-Bürgerinnen und Bürger einschloss. Trotzdem mussten Flüchtlinge und Übersiedler in einem Aufnahmeverfahren nachweisen, dass sie schwerwiegende, politische Gründe für ihren Weggang aus der DDR hatten. Diese Praxis stärkte in den 1950er Jahren die westdeutsche Interpretation, die Abwanderung sei eine „Abstimmung mit den Füßen“ zugunsten der freiheitlich-demokratischen Bundesrepublik und gegen die regierende Partei der DDR, die SED. Diese setzte dem ihre Deutung entgegen, westliche Organisationen würden DDR-Bürgerinnen und Bürger systematisch „abwerben“ und „Menschenhandel“ betreiben.

Wartende vor dem Notaufnahmelager

Wartende vor dem Notaufnahmelager Marienfelde © Evangelische Flüchtlingsseelsorge

Zäsur Mauerbau

Der tiefste Einschnitt in der Geschichte dieser Migration war der Mauerbau am 13. August 1961. Die Mauer versperrte den letzten noch offenen Weg in den Westen über die Sektorengrenzen in Berlin. Sie zementierte und vertiefte die deutsche Teilung, indem Ost-West-Kontakte abgeschnitten wurden und die Fluchtbewegung weitgehend zum Erliegen kam.

Die SED konnte jedoch die Abwanderung aus der DDR nicht dauerhaft unterbinden. Auch nach 1961 gelangten Ostdeutsche auf unterschiedlichen Wegen in die Bundesrepublik, bis zum Mauerfall im November 1989 ca. 787.000 Menschen. Ein kleiner Teil von ihnen flüchtete über die innerdeutsche Grenze, die Mauer oder die Gren­zen von Drittstaaten hinweg, zum Beispiel von Bulgarien nach Griechenland. Andere blieben während einer genehmigten Besuchsreise im Westen. Eine weitere Gruppe bildeten politische Häftlinge, für deren Freilassung die Bundesrepublik die DDR mit Güterlieferungen bezahlte. Zahlenmäßig am bedeutsamsten waren jene rund 570.0000 Ostdeutschen, die sich hartnäckig eine Ausreiseerlaubnis erstritten obwohl es dafür keine Rechtsgrundlage gab und sie vielfachen Repressionen ausgesetzt waren.

Soldaten und Baufahrzeuge beim Errichten einer Sperrmauer

Ausbau der Grenzanlagen 1962 © Stiftung Berliner Mauer, Foto: Paul Kremer

Reaktionen in Ost und West

Dass die Ost-West-Abwanderung Teil der Systemauseinandersetzung im Kalten Krieg war, zeigte auch das Vorgehen der Geheimdienste. Auf westlicher Seite be­fragte man die Ankommenden, um Informationen über Militär- und Forschungseinrichtungen und die Versorgungslage jenseits des „Eisernen Vorhangs“ zu erhalten. Die Staatssicherheit der DDR bekämpfte Aufnahmeeinrichtungen wie das Notaufnahmelager Marienfelde als „Feindobjekt“ und schleuste erfolgreich Inoffizielle Mitarbeiter (IM) ein.

Hinter den politischen Auseinandersetzungen trat zurück, welche Erfahrungen die Flüchtlinge und Ausreisenden in der DDR und später in der Bundesrepublik machten. So gelang es der DDR-Führung nicht, angemessen auf die Abwanderung zu reagieren, da dies das sozialistische Staatswesen mit seiner Planwirtschaft infrage gestellt hätte. Die Regierung der Bundesrepublik verzichtete in den 1970er Jahren zugunsten einer veränderten, auf Annäherung ausgerichteten Politik gegenüber der DDR darauf, die fehlende Freizügigkeit der dortigen Bevölkerung zu thematisieren. In den 1980er Jahren, als sich in Westdeutschland viele Menschen an die Teilung gewöhnt hatten, stießen die aus der DDR Gekommenen in der Bevölkerung häufig auf Desinteresse und Gleichgültigkeit.

Flucht und Ausreise beschleunigen die Wiedervereinigung 1990

Für den Zusammenbruch der DDR 1989/90 wurde die Flucht- und Ausreisebewegung zu einem wichtigen Faktor. Tausende Menschen flüchteten seit Mai1989 über die Grenze von Ungarn nach Österreich. Oder sie erkämpften ihre Ausreise durch die Besetzung westdeutscher Botschaften in Budapest, Prag und Warschau. Der Druck auf die SED stieg. Gleichzeitig demonstrierten im Spätsommer und Herbst immer mehr Menschen in der DDR für Demokratie und Reisefreiheit. Am 9. November 1989 fiel die Mauer in Berlin. Mit dem Beitritt der DDR zu Bundesrepublik am 3. Oktober 1990 endete nach über vier Jahrzehnten die deutsche Teilung.

Menschen auf der Berliner Mauer während des Mauerfalls

Feiernde Menschen auf der Panzermauer am Brandenburger Tor am Tag nach dem Mauerfall, 10. November 1989 © Stiftung Berliner Mauer, Foto: Michael-Reiner Ernst

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