VERÖFFENTLICHUNGEN DER STIFTUNG BERLINER MAUER

 

NAHAUFNAHME

Rund 4 Millionen Menschen verließen zwischen 1949 und 1990 die DDR. Bis zum Mauerbau 1961 waren die Sektorengrenzen in Berlin das Nadelöhr der Fluchtbewegung. Rund 70 Aufnahmelager gab es zeitweilig im Westteil der Stadt. In diesen Zwischenorten begann für die Flüchtlinge das Leben in einer neuen Welt.

Die Evangelische Flüchtlingsseelsorge, deren Diakonissen und Laienhelfer oft die ersten und vorläufig einzigen Ansprechpartner für die ehemaligen Ostdeutschen waren, hat durch ihre fotografische Arbeit einen einmaligen Fundus mit mehr als 1000 Motiven
hinterlassen. Die vorliegende Publikation ist die erste, die diesen Fotobestand in seiner spezifischen Qualität begreift und auswetet. Die Mehrzahl der Bilder wurde von professionellen Fotografen angefertigt. In der oft inszenierten Bildsprache fanden sie Verwendung für Spendenaufrufe und in kirchlichen Wochen- und Gemeindeblättern.

Die Fotos aus den Jahren 1952–1962 dokumentieren zunächst den Alltag in den Flüchtlingslagern. Chaos und Unordnung in den spärlich ausgestatteten Massenquartieren prägen dabei die neue Lebenssituation. 2,20 Mark zahlte der Berliner Senat den Betreibern der Notunterkünfte pro Person und Tag. Auch das 1952/53 neu und modern gebaute Notaufnahmelager Marienfelde, das eine Kapazität von 3000 Plätzen hatte, war chronisch überbelegt.

Viele der Bilder zeichnen sich durch eine gelungene Balance zwischen der drastischen Intimität und dennoch bewahrter Würde aus. Die deutlichste Sprache sprechen die Aufnahmen der Kinder, die sich unverstellt und ohne Misstrauen den fremden Blicken
öffnen.

Der Gang durch die Kleiderkammern, die Behörden und Dienststellen des Aufnahmeverfahrens, die zähe Wartezeit, die besonders den Jugendlichen und »Halbstarken« zum Problem wurde, all diese Momente der Übergangszeit mit ihren Hoffnungen und Zweifeln sind in den fotografischen Dokumenten festgehalten und erschließen sich dem Betrachter nicht zuletzt durch die erläuternden Texte des Autors Clemens Niedenthal, der als Kulturwissenschaftler und Journalist in Berlin lebt.

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Clemens Niedenthal
Nahaufnahme
Fotografierter Alltag in West-Berliner Flüchtlingslagern
Berlin 2011, Ch. Links Verlag
96 Seiten, 68 Abb.
ISBN 978-3-86153-621-5
12,90 Euro (D), 13,30 Euro (A),19,90 sFr (UVP)
Titel vergriffen